Die Pfarre Zwettl im Mittelalter

 

Neben der Pfarrkirche auf dem Berg, die auch damals schon dem Evangelisten Johannes geweiht war, befand sich – wie bereits erwähnt – in der Stadt selbst die Liebfrauenkirche. Sie wurde 1280 erstmals als „untere Kirche“ genannt. Da der Weg zur außerhalb der Stadtmauern gelegenen Pfarrkirche sehr beschwerlich war, bemühten sich die Zwettler Bürger nach Kräften, durch Stiftungen und Zuwendungen regelmäßige Gottesdienste in der nahen Marienkirche zu ermöglichen. Ab 1352 war hier ein eigener Kaplan beschäftigt, der tägliche die Frühmesse zu lesen hatte.

 

Nach der Stiftung des Bürgerspitals (es wurde 1295 erstmals erwähnt), entstand dort etwa um 1402 außerhalb der Stadtmauer vor dem Unteren oder Kremser Tor auch eine Kirche, die dem hl. Martin geweiht war. Ab 1418 war in der Martinskirche ebenfalls ein eigener Kaplan tätig. Aber bereits 1427 fielen Bürgerspital und Martinskirche den Zerstörungen im Zuge der Hussitenkriege zum Opfer. Es dauerte fast zwei Jahrzehnte, bis die Zwettler Bürger 1448 ein neues Spital errichteten, diesmal innerhalb der Stadtmauer. Zugleich stifteten sie dabei wieder eine Martinskirche und dotierten sie so, daß ein eigener Kaplan finanziert werden konnte.

 

Auch wenn sich im Laufe der Zeit das kirchliche Leben immer mehr in die Stadt verlagerte, der eigentliche Sitz des Pfarrers von Zwettl und damit das Zentrum der Pfarre war die St. Johannes Evangelist Kirche auf dem Berg. Zwettl war damals eine der reichsten Pfarren des Waldviertels und zeitweise auch Zentrum des Dekanates, welches das gesamte Landesviertel umfaßte. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts amtierten hier ständig vier bis sechs Priester. Aus diesem Grund hatte man bereits in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts neben der Kirche, wahrscheinlich auf den Grundmauern und mit den Baumaterialien der 1231 zerstörten Burg, einen großen Pfarrhof errichtet. Der war notwendig, da er ja außer den Geistlichen noch eine beachtliche Zahl von Personen beherbergen mußte, die für die wirtschaftlichen Belange der Pfarre zuständig waren. Ein wesentlicher Teil dieses Gebäudes, der sogenannte „Kasten“, welcher bisher fälschlicherweise für einen Teil der ehemaligen Kuenringerburg angesehen wurde, ist heute noch erhalten.