Propstei und Reformation


1483 kam es durch den päpstlichen Nuntius Bartholomäus de Marachis zur Gründung der Propstei Zwettl. Die Initiative dazu ging vom Zwettler Pfarrer Andreas Königsteiner aus, der sein gesamtes beträchtliches Vermögen dieser Stiftung vermachte. 1487 stellte Kaiser Friedrich III. die entsprechende Stiftungsurkunde aus, welche der Propstei die nötige finanzielle Basis geben sollte.

 

Die Angehörigen dieses Kollegiatstiftes waren keine Mönche, sondern Weltpriester (Säkularkleriker), die sich zu einer gemeinsamen Lebensweise (vita communis) nach den kanonischen Forderungen bekannten. Das Kollegium (Kapital) der Priester sollte aus einem Propst als Vorsteher, der das Recht hatte, die Pontifikalien (Mitra, Stab, Ring und Brustkreuz) zu gebrauchen, einem Dechant und zwölf Chorherren – zu Ehren der zwölf Apostel – bestehen.

 

Als Ort für die Propstei Zwettl hatte man den ehemaligen Burgberg auserwählt. Die alte, dem Evangelisten Johannes geweihte Pfarrkirche, wurde unter dem geänderten Titel „zum heiligen Erlöser im Liechtental“ zur Propsteikirche. Der Pfarrhof mit seinen Wirtschaftstrakten wurde umgebaut, es entstand ein weitläufiges Propsteigebäude mit Wohnräumen, Stallungen und allen notwendigen Einrichtungen.

 

Erster Propst wurde Andreas Königsteiner. Der Propstei Zwettl waren die Pfarren Altpölla (mit den Filial- oder Tochterkirchen in Weißenalbern, Sallingstadt, Großglobnitz, Döllersheim und Großhaselbach) sowie Zwettl (mit der Marienkirche in der Stadt und den Tochterkirchen in Großgöttfritz, Marbach am Walde, Rieggers und Dorf Rosenau) einverleibt. In diesen Pfarren hatte der Propst unter anderem das Recht, dem Diözesanbischof geeignete Seelsorger vorzuschlagen.

 

Der Propst blieb weiterhin Stadtpfarrer von Zwettl. Die Marienkirche in der Stadt wurde nach entsprechenden Umbauten auch nominell zur eigentlichen Stadtpfarrkirche erhoben. Die Seelsorge besorgte hier ein pröpstlicher Vikar, der nun in einem Pfarrhof in der Stadt wohnte. Dieses Haus stand an der Ecke Bürgergasse – Florianigasse (heute Florianigasse 3). Auch der städtische Schulmeister und der Mesner wurden vom Propst bestellt.

 

Die Propstei Zwettl konnte aber trotz ihrer guten wirtschaftlichen Dotierung die an sie gestellten Aufgaben von Anfang an nur mangelhaft erfüllen. Grund dafür waren die hohen Kriegssteuern des ausgehenden 15. und des 16. Jahrhunderts, sowie der aufkommende Protestantismus. Der Idealstand von 14 Klerikern wurde nie erreicht. Den Propst von Zwettl wählte daher nicht das Kapitel, er wurde vielmehr vom Landesherren vorgeschlagen und vom Papst bzw. dem Diözesanbischof bestellt.

 

Bald nach dem Auftreten Luthers drang reformatorisches Gedankengut auch in das Waldviertel ein, und um die Mitte des 16. Jahrhunderts war ein Großteil der Städte zum Luthertum übergegangen. Das traf auch für landesfürstliche Städte wie Zwettl zu, obwohl sich deren Bewohner eigentlich nach der Religion des Landesherren richten mußten. Die evangelische Konfessionsbildung ging in Niederösterreich ebenso wie in den anderen österreichischen Ländern eher unauffällig vor sich, ohne Bildersturm und „Pfaffenvertreibung“. Viele der ehemals katholischen Priester hatten sich der neuen Lehre zugewandt. 1558 und 1560 werden in den Zwettler Ratsprotokollen mehrmals „Predicanten“, also lutherische Prediger, genannt. Und Johann Zenonian der Jüngere, der von 1564 bis 1581 als Propst von Zwettl amtierte, war verheiratet und hatte sechs Kinder, obwohl er sich nie von der katholischen Kirche trennte.