19. Jahrhundert: Kirchturmbau

Um die Jahrhundertwende mußte sich die Pfarre mit nur einem Kaplan begnügen. Grund dafür waren vor allem wirtschaftliche Überlegungen. Die Pfarre konnte sich einen dritten Geistlichen einfach nicht leisten.

In Zuge der Josephinischen Reformen und in den Jahren danach waren nämlich wesentliche Einkünfte des Pfarrers verringert oder abgeschafft worden.

 

1805 rückten während der Napoleonischen Kriege französische Truppen auch in Zwettl ein. Sie mißbrauchten die Martinskirche beim Bürgerspital als Pferdestall und Magazin. Kirchenstühle und andere Einrichtungsgegenstände wurden einfach verheizt. Die Kirche blieb lange Jahre entweiht. Erst als 1834 der Benefiziat Venerius

Purtscher sein Vermögen der Martinskirche mit der Auflage vermachte, daß diese wieder hergerichtet und geweiht werde, schritten Gemeinde und Bürgerschaft zur Tat. Unter großen finanziellen Anstrengungen wurde die Martinskirche renoviert und am

10. November 1836 neuerlich geweiht.

 

1840/41 erwog die Leitung der Theresianischen Ritterakademie als Besitzer der Herrschaft Propsteiernstlich, die dortige Kirche samt Michaelskapelle und Karner abzureißen, den Friedhof zu schließen und das Areal für wirtschaftliche Zwecke zu verwenden. Es ist nur dem energischen Auftreten des Stadtpfarrers Joseph Schelnberger und einem historisch fundierten Gutachten durch Dechant Joseph Schmid aus Stift Zwettl zu danken, daß die staatlichen Stellen dieses Vorhaben nicht nur verhinderten, sondern sogar die Renovierung der Propsteikirche veranlaßten.

 

1882 verkaufte das Theresianum das „Gut Propstei Zwettl“. Die gesamte Anlage ist seit dieser Zeit in Besitz der örtlichen Sparkasse.

Nach den Revolutionsereignissen von 1848 wurde das patrimoniale Herrschaftssystem aufgelöst, und das Jahr 1850 brachte selbständige Gemeinden, sowie neue staatliche Verwaltungseinrichtungen. Zur Stadtgemeinde Zwettl gehörten nun auch die Katastralgemeinden Oberhof (bisher Herrschaft Stift Zwettl), Koppenzeil (bisher Herrschaft Propstei) und Böhmhöf. Erster Bürgermeister der neuen Gemeinde war

der Postmeister Franz Haunsteiner. Zwettl wurde Sitz von Bezirkshauptmannschaft und Bezirksgericht.

 

1854 schlug der Kooperator Benedikt Höllriegel vor, den alten, gotischen Turm der Stadtpfarrkirche dem neuen Zeitgeist entsprechend umzugestalten.

Diese Idee fand nicht nur die Zustimmung des Stadtpfarrers, auch Bürgermeister und Gemeindevertretung konnten sich dafür begeistern. Die Pläne für den Umbau stammen vom Wiener Bauingenieur Johann Hiedler und dem Zwettler Baumeister Anton Gareis.

So erhielt die Pfarrkirche 1854 einen romantisch-historistisch gestalteten Kirchturm, der mit seinen 55 Metern (inklusive Kreuz) um rund 22 Meter höher ist als sein Vorgänger. Dieser Umbau war zugleich der Beginn einer weitreichenden Umgestaltungsphase in

der Stadt, die bis ins 20. Jahrhundert reichte. Die „Zwettler Gründerzeit“ hatte begonnen.

 

1872 ließ der Abt des Stiftes Zwettl Augustin Steininger im Oberhof ein Stiftsgymnasium errichten, das 1874 auch den Schulbetrieb aufnahm. Doch bereits ein Jahr später erachteten staatliche Stellen diese Schule für überflüssig und lösten sie wieder auf. 1882 bezogen die Schulschwestern aus Judenau dieses Gebäude, in dem sie

zunächst eine Volksschule mit Internat gründeten. Im Haus befindet sich auch eine eigene Institutskapelle. Seit 1882 sind die Schulschwestern in Zwettl im pfarrlichen und schulischen Leben unermüdlich tätig.

 

1895 übernahmen barmherzige Schwestern vom heiligen Kreuz die Krankenpflege im Zwettler Krankenhaus. Einige Jahre lang waren sie auch in der Hauskrankenpflege tätig. 1976 mußte der Orden wegen der zu geringen Zahl an Nachwuchskräften die letzten drei Schwestern, welche noch in Zwettl tätig waren, abziehen. Seither betreuen

weltliche Krankenschwestern und –pfleger die Patienten im Spital, in den Pflegeheimen und zu Hause.

 

1882 bekam Zwettl einen dritten Friedhof: Mitglieder der Zwettler Judengemeinde erwarben neben dem „Bauernfriedhof“ in der Syrnau ein Grundstück, auf dem sie ihren Friedhof und eine kleine Leichenhalle errichteten. Bis zur Schließung des Judenfriedhofs im Jahr 1938 lassen sich Begräbnisse von 69 Menschen mosaischer Religion nachweisen.

Sicherlich liegen hier aber wesentlich mehr Personen begraben. Der Zwettler Judenfriedhof untersteht heute der Israelitischen Kultusgemeinde Wien.

In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts bekam Zwettl eine weitere Kirche. Stadtpfarrer Anton Trajer ließ 1896/97 die „Rosenkranzkirche beim Bründl im Kampthale“ errichten. Hier wurde – wie bereits kurz erwähnt - seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bei einer Quelle,die am Hang des Propsteiberges entspringt, eine Marienstatue verehrt.

Man errichtete bald eine hölzerne Kapelle über der Quelle, und immer mehr Menschen besuchten diesen Ort.

 

1842 wurden im ersten Halbjahr 56 Prozessionen gezählt, die das Bründl im Kamptal

aufsuchten, um dort zu beten. So ließ 1846 Pfarrer Johann Fuchs über der Quelle einen kleinen Kapellenbau aus Stein errichten.

Dieses Bauwerk bildet heute noch das Presbyterium des Neubaues, welcher 1897 geweiht wurde. Die Bründlkirche war bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts das Ziel vieler Prozessionen und Wallfahrten.