20. Jahrhundert: Konflikte, Kriege, Verfolgung und ein halbes Jahrhundert Frieden

 

 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wirkte in der Pfarre Zwettl zwar wieder ein zweiter Kaplan, ansonsten war die Situation der katholischen Kirche aber nicht allzu rosig. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurden nämlich auch in Zwettl die Auseinandersetzungen zwischen einerseits katholischen und andererseits antiklerikalen, liberalen oder deutschnationalen Kreisen immer heftiger. Immerhin lebte im nahen Schloß Rosenau Georg Ritter von Schönerer, der Vertreter des Alldeutschtums und der „Los von Rom Bewegung“. 1904 ließ Schönerer auf seinem eigenen Grund und Boden an der Weitraer Straße in Zwettl eine evangelische Kirche erbauen. Damals wohnten in Zwettl vier Protestanten. Dieses Kirchlein, dessen Errichtung von Schönerer wohl in erster Linie als Provokation gedacht war, entwickelte sich aber im Laufe der Jahre zum Zentrum einer aktiven Christengemeinde. Heute ist viel Mißtrauen und Ablehnung zwischen den christlichen Konfessionen abgebaut, ein Miteinander der Kirchen ist feststellbar. Das Streben der Christen kann ja auch nicht in einem „Los von ...“, sondern nur in einem „Hin zu Christus“ liegen.

 

 

 

Der Erste Weltkrieg brachte Not und großes persönliches Leid in viele Familien. Wegen des kriegsbedingten Metallmangels mußten 1917 und 1918 fast alle Kirchenglocken und die meisten zinnernen Orgelpfeifen abgeliefert werden. Sie sollten – zu Waffen verarbeitet – helfen, den Sieg für Kaiser und Vaterland zu erringen.

 

Nach dem Zusammenbruch der Monarchie bemühte man sich bald – trotz der tristen wirtschaftlichen Umstände – die Geläute auf den Kirchtürmen wieder zu vervollständigen.

 

 

 

In der Ersten Republik wurden die innenpolitischen Verhältnisse immer schwieriger, denn die Konflikte zwischen den politischen Parteien spitzten sich zu. Auch in Zwettl schloß man Sozialdemokraten und Nationalsozialisten aus dem Gemeinderat aus, und einige von ihnen wurden verhaftet. Es gab Demonstrationen und aggressive Agitation der Nationalsozialisten.

 

Der Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich vom März 1938 veränderte das Leben in vielen Bereichen. Geistlichen wurde es verboten zu unterrichten. Die Schulschwestern mußten ihr Institut in Zwettl staatlichen Stellen überlassen. Die Bürgerspitalfondsstiftung wurde aufgelöst und das Vermögen der Gemeinde einverleibt. Personen, deren Äußerungen und Handlungen nicht konform mit dem nationalsozialistischen Regime ausfielen, kamen in Schwierigkeiten und wurden verfolgt. So auch Stadtpfarrer Johann Flicker, der mehrmals von der Gestapo verhaftet und verhört wurde. Alle in Zwettl ansässigen jüdischen Familien mußten die Stadt verlassen. Die meisten von ihnen kamen in der Vernichtungsmaschinerie des menschenverachtendes Regimes ums Leben.

 

Auch im Zweiten Weltkrieg wurden die meisten Glocken von den Kirchtürmen abgenommen. Nun sollte das Metall Führer, Volk und Vaterland zum Sieg verhelfen.

 

Als der Krieg endlich zu Ende ging, setzte manch verzweifelter Menschen seinem Leben ein Ende. Noch in den letzten Stunden des Krieges tagte ein Standgericht. Dann zogen Scharen von Flüchtlingen, ehemalige Kriegsgefangene, Ostarbeiter und gefangene deutsche Soldaten durch die Stadt. Die siegreiche Rote Armee hatte zwar die Befreiung vom nationalsozialistischen Terrorregime gebracht, verbreitete aber selbst unter der Bevölkerung Angst und Schrecken. Morde, Vergewaltigungen, Plünderungen und Deportationen waren an der Tagesordnung.

 

Am 21. Mai 1945 beging Oskar Jölly, der ehemalige Intendant der Wiener Volksoper, in der Propsteikirche Selbstmord. Die so exsekrierte Kirche wurde wenig später von den Besatzungssoldaten geplündert und verwüstet.

 

In dieser Zeit erhielt Zwettl einen weiteren Friedhof: Im November 1945 beschlagnahmte die sowjetische Besatzungsmacht ein kleines Ackergrundstück am Propsteiberg unterhalb der Kreuzigungsgruppe, das der Sparkasse gehörte, aber von der Pfarre genützt wurde. Hier ließ die Kommandantur den Russenfriedhof errichten, auf dem Soldaten der Roten Armee bestattet liegen, welche nach dem Mai 1945 in Zwettl verstarben. Nach den Bestimmungen des Staatsvertrages vom 15. Mai 1955 ist die Republik Österreich verpflichtet, diesen Friedhof zu erhalten.

 

Knapp nach dem Krieg war auch die zweite Kaplanstelle in Zwettl wieder kurzzeitig besetzt. Der zunehmende Priestermangel erschwerte aber die kirchliche Arbeit. Von 1946 bis 1979 wirkte ein Geistlicher als Religionsprofessor am Gymnasium.

 

1965 wurde in Zwettl ein Bischöfliches Seminar gegründet. Die Diözese übernahm dafür ein Haus in der Nachbarschaft des Gymnasiums an der Gerungser Straße, das ursprünglich als Lehrlings- und Schülerheim errichtet worden war.